Kolumne, Reisen

Mainz, ich mag dich.

Gerade  komme ich nach Hause von meinem ersten richtigen Lauf in Mainz. Bis jetzt joggte ich nur entlang der Mombacher, einer Industriestraße, zum Fitnessstudio und zurück. Inklusive Verpestung meiner Atemwege.
Nun scheint seit Tagen wunderbar die Sonne. Es sind 20 Grad und doch eigentlich Oktober. Und ich hab Lust auf draußen sein. Was gibt es besseres, als an einem so schönen Herbsttag Laufen zu gehen?

Den Jogger-Massen folgend, verschlug es mich ans Rheinufer. Zum Glück ist da unter der Woche vormittags nicht so viel los.
Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so gut gefallen wird.
Links von mir das Wasser, grell reflektiertes Licht der tiefstehenden Sonne direkt in mein Gesicht. Musik auf den Ohren. Ruhe.
Ich wollte einfach nur ein bisschen laufen gehen, und knacke die 10km. Da war so viel zum Nachdenken. Und genug Zeit und Raum ist dafür nur, wenn ich laufe.

Ich bin verliebt. Momentverliebt. Das Wasser zu meiner linken Seite. Der gerade Weg entlang der Strömung. Meine sonnengeblendeten Augen. Zur rechten eine Stadt und ab und an Menschen, die man anlächeln kann um ein Lächeln erwidert zu bekommen.
Und dann der Gedanke: Das kenne ich aus Perth, Australien.
Und ja, wie sehr ich doch diese Stadt vermisse. Hier in Mainz entlang des Rheins zu joggen ähnelt so sehr meinen Läufen entlang des Ozeans. Natürlich hatte es nochmal etwas komplett anderes in der Hitze am indischen Ozean entlang zu joggen und sich die Haare vom Wind zerzausen zu lassen. Nicht zu vergessen: Surfbretter samt Mensch. Nichts bin ich lieber ausgewichen, nichts habe ich lieber beobachtet und dabei geträumt auch dazu zu gehören. Selbst die Bewegung finde ich schön, mit der sie den Verschluss ihres Wetsuits am Rücken verschließen.


Obwohl es drei Jahre her ist, mag ich immer noch jeden einzelnen Tag in meinem Kopf behalten und davon träumen und erzählen und herbei wünschen.

Und doch, verstehe ich jetzt, nach dieser Zeit, etwas mehr davon, was mir da eigentlich so gut gefällt:

Lächelnde Menschen, Freizeitmenschen, kommunikative Menschen, unterschiedliche Menschen und interessierte Menschen.
Menschen, die man wahrnimmt. Die sind nicht einfach da. Die gehören da hin und zeigen das auch. Menschen, die leben. 

Hier am Rhein, wenn ich fremde Menschen anlächle, lächeln doch meistens eher ältere zurück. Gleichaltrige Mädels vielleicht auch. Ein paar Typen auch, aber am Ende vielleicht sogar aus einem anderen Grund. Und doch: Sie alle sind verwundert. Wieso lächelt sie mich an? Ich kenne sie doch gar nicht.

Auf der anderen Seite der Welt, war ich nicht gewohnt „einfach so zu lächeln“. Fremde Menschen anlächeln, ohne dass ich etwas von ihnen will? Wofür?

Sie haben es mir gelernt.

Dieses Land ist super sportlich. Und doch winken und lächeln mir Menschen zu, an denen ich vorbei jogge. Sie liften den Daumen und spornen mich teilweise sogar an. Ältere Rentner beim Spaziergehen. Surfboys’n’girls. Kinder.

Wir sind hier doch nicht böser. Wir denken doch eigentlich gar nicht böse.
„Schau mal, die guckt ganz komisch. Was soll das?“

Wie oft wurden meine Travelpartnerin und ich angesprochen. In Shops, auf Parkplätzen, am Beach, im Club. Komplimente, Fragen, Gespräche. ‚How are you?‘. Was erst seltsam weil ungewohnt war, wurde ganz schnell eins der schönsten Merkmale Australiens.
Und hier? Statt einfach nur zu schauen, könnten wir doch mal sagen, was wir da eigentlich denken.

Auch ich ertappe mich beim Starren. Meistens denke ich dabei: Oh, sie sieht aber toll aus. Oder: Was die wohl machen? Oder: Das fand ich echt toll, was er gerade gemacht hat.
Und dann schauen wir alle nur, der andere ertappt uns dabei und beide sind verunsichert.

Einfach mal Lächeln

Während das alles hier so ist, wie es ist, und mein Herz immer noch und vielleicht auch für immer schneller schlagen wird, wenn es um den Sonnenschein-Kontinent geht, habe ich verstanden: Wir Menschen sind alle sehr ähnlich und meistens brauchen wir nur einen kleinen Anstupser.
Einfach mal zu lächeln und dem Menschen gegenüber und der Situation eine Chance geben. Sich interessieren für andere Lebensweisen und ehrlich seine Gedanken und Ideen teilen. Komplimente verteilen und am besten sogar Komplimente, die nicht um Äußerlichkeiten gehen.

Vielleicht werde ich nicht jeden Tag immer und überall lächeln. Nur lächeln, wenn ich das auch will und auch fühle. Aber vielleicht grinse ich jetzt wieder mehr Menschen an und gehe auf sie zu.

Liebes Perth, liebes Australien, ich vergesse dich nicht. Aber ich muss dir gestehen, ich hab eine Neue und so viel in ihr gefunden, was ich nur in dir sah. Niemals wird es mit ihr so sein wie es mit dir war, aber ich mag es so, wie es jetzt ist. Vielleicht wird es irgendwann wieder etwas mit dir und mir, direkt am Meer, aber jetzt geht es nicht. Hier und jetzt bin ich hier.

 

<a href=“https://www.bloglovin.com/blog/19198143/?claim=qgy9y6hc4qs“>Follow my blog with Bloglovin</a>

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.