Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, dann sage ich ganz gern gut. Mir geht es schließlich auch sehr gut. Wenn es dem Gegenüber dann auch noch gut geht, dann nicken wir gemeinsam: Ok, es hat alles seine Ordnung.
Manchmal sage ich aber auch, mir geht es nicht so gut. Der andere versteht: Sie muss traurig oder wütend sein.
Nach einer solchen Antwort, nicken wir nicht und verfahren auch nicht weiter mit dem Gespräch. Wenn es einem nicht gut geht, ist ein Ausnahmezustand eingetreten, der schnellstmöglich wieder behoben werden soll. Schlechte Gefühle können vorkommen, klar, aber lass uns schnell etwas dagegen unternehmen.
Aber wer hat denn eigentlich die Gefühlspalette in gut und schlecht unterteilt? Und wieso fühlt man sich am besten nur noch “gut”, statt unglaublich glücklich oder tief traurig? Wann ist die Taubheit zum Wohlgefühl geworden?
Darf man denn noch fühlen? Träumen?

Schlechte Gefühle wie negative Kontozahlen

Negative Gefühle gehören vermieden oder schnell bekämpft. Wetten, auch Du weißt, welche Gefühle ich meine? Aber wer hat denn eigentlich die Gefühle durchtrennt und sie in eine Zwei Klassen Gefühlswelt gesteckt!
Trauer, Wut, Panik auf der einen Seite und auf der anderen Liebe, Freude, Vertrauen, um nur ein paar zu nennen. Feinsäuberlich getrennt, wie zwei Kühlschränke in einer koscheren Küche, dürfen Gefühle höchstens nahestehenden Menschen gezeigt werden. Und auch dort beherrscht eine geheime Regelbuch die Zweisamkeit: Liebe bloß nicht zu viel, freu dich nicht zu laut und pass auf, dass dein Vertrauen nicht ausgenutzt wird, du Naivling.
Allerdings dürfen Gefühle wie Trauer und Wut nur dann und wann mal heraus gelassen werden, wenn sich das so gehört, wie nach Trennungen, Verlusten. Wenn eben jemand deine guten Gefühle, wie dein Vertrauen verletzt hat. Jedoch lass dich auch hier nicht zu lang, am Arbeitsplatz oder auf der Geburtstagsfeier darauf ein. Wir schweigen uns lieber alle an, grenzen im schlimmstenfalls mit unserer purer Freude die echten traurigen unter uns aus und vergessen, dass ein Marmeladenbrot doch gerade erst mit der richtigen Butterschicht zum Wohlgenuss wird.

Die Balance halten

Was ist mit der Balance geworden, die wir als Kind auf einem Baumstamm für uns finden mussten, die uns nicht vom Fahrrad fallen lies, weil man uns die Stütze weg nahm?

Das Leben soll ihm Gleichgewicht gelebt werden. Gleichgewicht heißt vor allem: Nicht ausrasten! Nicht zu viel feiern, ruhig bleiben, nicht zu viel Alkohol oder Zucker, nicht zu viel Arbeiten, auch mal entspannen und dann doch Schokolade und Wein runterkippen, seine Freunde nicht vernachlässigen, damit du und auch sie glücklich sind.

Die Balance in seiner Gefühlswelt zu finden bedeutet so normal wie möglich daherzukommen. Sanft lächeln, freundlich, hilfsbereit, froh gesinnt und froh gestimmt, eine positive Einstellung. Ein guter Job, ein glücklich machender Freund.
Was ist mit der Balance geworden, die wir als Kind auf einem Baumstamm für uns finden mussten, die uns vom Fahrrad fallen lies, weil man uns die Stütze weg nahm? Wir lernten doch damals, mit allen Mitteln, dass man nach rechts und links, nach vorne und hinten, nach oben und unten kippen kann, aber sich immer wieder auffängt, wenn man bereit ist, die Beine in beide Richtungen zu strecken. Aber immer in Bereitschaft, den Fuß auch mal ganz tief in die Pfütze auf der einen Seite, oder den Kuhfladen auf der anderen zu tauchen um vor allem: Nicht runterzufallen, auf dem Boden mit Schürfwunden zu sitzen.

Dieser Balanceakt ist uns abtrainiert worden. Irgendwann war man alt genug, weinen oder schreien gehörte sich nicht mehr. Plötzlich darf man höchstens noch hinterm Rücken vom Geschehen, Stunden nach dem Moment schimpfend jegliche Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen. Dann sei man sauer, wütend oder auch verletzlich, es wäre kein guter Abend. Am nächsten Tag solltest du wieder den positiven Gefühlen hinterherrennen, wie jeden Tag.
Wenn man keine Balance fühlt, dann muss man aufpassen. Man sichert sich ab, indem man sich nur dem guten zuwendet. Dem Guten, mit dem auch alle anderen zurecht kommen und das ich nicht verstecken muss. Das Gefühl aufgehoben, wie in einem Marmeladeglas, um dann im passenden Moment kurz den Deckel aufzudrehen, einmal daran zu schnuppern und es dann wieder luftdicht zu verschließen. Bloß nicht zu viel.

Heute frage ich mich, was von mir ist denn das Yin und was ist das Yang?
Ist es denn nicht im besten Fall, also wirklich im Traumfall, stets eine Mischung aus beidem? Liegt nicht in jeder Trauer eine Spur Freude, wie in einem Regentropfen die Wärme der Sonne? Und wäre Vertrauen überhaupt ein so starkes Gefühl von Gelassenheit, wenn es nicht an anderer Stelle von Panik und Angst ersetzt werden könne?
Was ist denn nun der negative Aspekt in einer Angst, die sich breit macht und mein Vertrauen schmälert, wenn sie mich vor dem Sturz über den Fahrradlenker schützt? Wieso soll Trauer denn vermieden werden, wenn sie uns doch so unvorstellbar scharf ins Herz einbrennt, wie überaus groß etwas in unserem Leben war, was da nun nicht mehr ist. Wie unglaublich wunderbar ist das Gefühl von Trauer, wenn es sich in unseren Körper, genau an die Stelle des nun leerwerdenden Gefühls von Miteinander und Zuneigung pflanzt, uns warm hält durch aufbrausende Gefühle! Wieso sollte es uns zustehen, diese Empfindung von etwas wie der Liebe zu trennen?

Ist denn nicht jede große Liebe ganz schwer ums Herz, bekommen wir denn nicht vor lauter Freude Bauchschmerzen und stoßen wir uns denn nicht so oft die Zehen, wenn wir unser Glück kaum fassen können? Lohnt sich denn überhaupt etwas zwischenmenschliches, wenn es das Fahrrad nicht mal kurz schaukeln lässt?

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